Zu den Buchinterventionen von Farid Sabha

Die Malerei von Farid Sabha verfolge ich seit vielen Jahren. Dieses immer wieder totgesagte Medium ist äußerst lebendig und bietet Künstlern immer noch neue Möglichkeiten Farbe, Komposition und Form zu bearbeiten und eine Welt entstehen zu lassen. Als ich in den 1990er Jahren zum ersten Mal den Künstler kennenlernte und sein Atelier besuchte war ich sehr beeindruckt von Sabhas ungewöhnlich sensiblen und völlig eigenständigen Umgang mit Farbe und Form. Sie zeugt von einer stetigen Auseinandersetzung mit dem Medium, einem großen Wissen über die Geschichte der Malerei, mit der Farbe, mit Zusammenwirkungen von Flächen und Formen, einer fast schon traditionellen Achtsamkeit dem Material gegenüber, was sich auch in der äußerst sorgsamen Grundierung zeigt. Gleichsam habe ich Farid Sabha auch als ewig Suchenden erlebt, der immer wieder – scheinbar ganz leicht und doch so kompliziert – nach der einfachen Form, dem idealen Verhältnis von Fläche und Farbe, von Figur und Raum und der Übertragung einer kleinen Skizze mit voller Wucht auf die große Fläche ringt. Die Maltechnik Eitempera, die Farid Sabha benutzt,  hat eine ganz unvergleichliche Präsenz, die mattschimmernde Oberfläche lässt auch großen monochromen Farbflächen eine fast pudrige Eleganz und Dichte, die ähnliche Flächen in Ölmalerei so nicht aufweisen. Für diese Form der Malerei scheint es unabdingbar sich immer wieder in unendlich vielen Skizzen, Farbproben, kleinen Malereien intensiv mit den grundlegenden Voraussetzungen von Farbe und Form zu beschäftigen. Schon beim ersten Atelierbesuch zeigte mir Sabha seine Bücher, die für ihn ein fast unerschöpflicher Fundus für malerische Ideen sind aber gleichsam auch ganz eigenständige Kunstwerke darstellen. Schon damals war ich gerade von diesen oft kleinen, unglaublich intensiven und dichten Malereien fasziniert, das hat sich bis heute gehalten. 2001 durfte ich dann mit ihm eine Ausstellung im Essl Museum kuratieren, in der unter anderem sehr auratisch in einem leeren Depotraum einige seiner Bücher ausgestellt wurden, in einer Zeit, in der oft wilde Rauminszenierungen dominierten, war die Arbeit Sabhas für mich eine wunderbare Ausnahme.

Wenn ich also beim Schreiben für diesen Text in einem vom Künstler beigesteuerten Buch vorsichtig blättre, dann offenbart sich mir eine Welt der Malerei, die intim, stark, weich, verstörend, ungewohnt, sensibel und weit ab von künstlerischen Moden eine Kraft entwickelt, die mich immer wieder in den Bann zieht. Dabei ist für mich die kompositorische Spannung beeindruckend, das Verhältnis von Dichte und Durchlässigkeit, vom Satzspiegel, der wie eine Grundierung das erste Maß gibt und den darauf gestellten Flächen, mal dominierend, mal ganz schmal und scheinbar unwichtig. Das Verhältnis der Formen untereinander kann aber wieder durch die Präsenz der Farbe völlig verschoben werden. Überhaupt diese Farbe – ich kenne keinen Maler heute, der eine so spezifische, manchmal äußerst gewagte und doch immer so differenzierte Farbigkeit aufweist wie Sabha, für mich gibt es nur eine Künstlerin, die ähnlich individuell einen ganz eigenen Farbkosmos entwickelt hat – völlig divergent zu Sabhas – das ist Maria Lassnig. Sabha scheut sich nicht ein seltsam schmutziges Braun mit einem pudrigen Violett zu kombinieren, oder ein rötliches Braun fast gänzlich durch eine ockerfarbene Form zu verdecken. Die Bücher möchte man am liebsten nicht mehr aus der Hand legen, es ist wie ein page turner, ein Abenteuerroman, jede Seite eine neue, immer präzise formulierte Welt der Malerei.


Andreas Hoffer, freier Kurator, im Dezember 2016

 

Meine Bücher


Meine Bücher begleiten mich seit meiner Diplomarbeit. Das war 1986/87.

Zwei grosse, wandfüllende Papierarbeiten sollten zum Diplom angefertigt werden. Ich hatte damals gerade erst mit der alten Technik der Eitemperamalerei begonnen und war noch nicht sicher genug, ob ich diese Technik auch am Papier gut und vor allem haltbar werde verwenden können.

Aus irgendeinem Grund hatte ich an der Akademie zwei kleine, recht zerfledderte Reiseberichte - kleine Bücher mit gut saugenden Buchseiten - immer am Arbeitsplatz liegen. Die Illustrationen glaube ich, hatten es mir angetan. Die Buchseiten nahm ich ungrundiert  als Untergrund für Eitempera-Farbproben. Während der Zeit in der sich die Diplombilder langsam entwickelten, wurden die Buchseiten zu einem Art Farbabstrichlexikon. Eine Farbprobensammlung, die immer eigenständigere Form annahm.

Im Laufe der Jahre haben sich etwa fünfzig bis sechzig Stück dieser kleinen Bücher zusammen gefunden. Einige sind grösseren Formats.

Die Seiten werden, ohne grosses Interesse am Inhalt der Bücher, in mehreren Schichtungen bearbeitet. Da immer eine Doppelseite nach jedem Arbeitsschritt trocknen muss, sind während meiner Buchphasensitzungen meist alle Bücher gleichzeitig am Prozess beteiligt.
Ausgenommen sind die, in die - aus Platzmangel im jeweiligen Buch - nicht mehr interveniert werden kann.

Obwohl ich fast nie auf den Inhalt der Bücher Rücksicht nehme, wecken vorhandene grafische Elemente der Seiten durchaus mein Interesse. Die Art der Buchstaben, die Grösse der Satzspiegel, Illustrationen, Seitenzahlen, Symmetrien, Asymmetrien haben starken Einfluss auf die darüber platzierten Elemente. Oft dürfen sich Buchstaben, Worte, Sätze aber auch ganze Absätze als gleichberechtigte Teile unter oder neben oder in die farbigen Interventionen mischen.

Der Satzspiegel selbst bildet anfangs das Spielfeld meiner ersten Bearbeitungen. Über die Grenze des Satzspiegels hinaus sollte nicht gearbeitet werden. Irgendwann wird diese Begrenzung dann immer unwichtiger, kann dem Drang diese zu überwinden nicht mehr standhalten und fällt.

Die Eitemperaformationen drängen zum Seitenrand, ohne jedoch die Gefahr des Buchrandes einschätzen zu können. Durch den Farbabsturz am Rand der Seiten kann es nämlich zu unangenehmen Verklebungen mit den darunter liegenden Seiten kommen.
Die Bücher sind für mich brauchbare Hilfsmittel zur schnellen Überbrückung schaffensferner 
Zustände.
Sie ermöglichen ein unkompliziertes Wiederbeginnen, sie finden den verlorenen Faden und spulen mich wieder zum letzten Stand meiner verloren geglaubten Bildnerei.

 

Farid Sabha